
BBCH-Stadien der Gerste: alle Entwicklungsstadien auf einen Blick
Gerste zählt zu den Getreidearten mit dem klarsten Entwicklungsverlauf. Die BBCH-Skala beschreibt diesen Verlauf einheitlich und praxisbewährt von der Keimung bis zur Reife. Wer die BBCH-Gerste-Stadien richtig einordnet, kann jede Wachstumsphase gezielt begleiten, denn die einzelnen Stadien der Gerste sind gut abgrenzbar und liefern konkrete Anhaltspunkte für die Feldarbeit.
Eine Besonderheit der Gerste ist ihre sehr frühe Reife. Wintergerste ist meist die erste Getreideart, die im Jahr gedroschen wird, häufig schon Ende Juni. Im modernen Ackerbau ist das jeweils aktuelle Stadium die unverzichtbare Basis für alle Maßnahmen. Da der BBCH-Code die Entscheidungen zu Düngung, Pflanzenschutz und Wachstumsreglern präzise steuert, gilt er als zentraler Leitfaden für eine erfolgreiche Bestandesführung. Dieser Ratgeber erklärt alle Stufen der BBCH-Skala der Gerste, ihre Erkennungsmerkmale sowie die jeweils passenden Maßnahmen.
Die Skala gilt dabei gleichermaßen für Wintergerste und Sommergerste, wobei sich die zeitliche Einordnung der Wachstumsstadien je nach Anbau-Form deutlich unterscheidet: Wintergerste entwickelt sich über Herbst, Winterruhe und Frühjahr hinweg, während Sommergerste alle Stadien in einer einzigen Vegetationsperiode im Frühjahr und Sommer durchläuft.
Unser Service für Sie rund um das Thema Gerste
Wenn Sie Fragen rund um die Gerste haben, sind unsere erfahrenen Pflanzenbauberater und Außendienstmitarbeiter der BayWa die richtigen Ansprechpartner. Ob es um die BBCH- beziehungsweise Entwicklungsstadien der Gerste geht, um die Düngung und das Nährstoffmanagement, den Pflanzenschutz, die Wahl der passenden Winter- oder Sommergersten-Sorten – auch für den spezialisierten Öko-Anbau – oder den Einsatz von Wachstumsreglern: Bei uns finden Sie die Antworten, die Sie suchen.
Gerade weil die Gerste besonders früh reift und oft schon Ende Juni gedroschen wird, kommt es auf die richtige Planung zum passenden Zeitpunkt an. Nehmen Sie einfach per E-Mail oder über unser Kontaktformular Kontakt zu uns auf. Ebenso können Sie uns an einem unserer BayWa-Standorte persönlich besuchen. Als Agrarhandelspartner unterstützen wir Sie zudem bei der Vermarktung Ihrer Erzeugnisse.
Was ist die BBCH-Gerste-Skala?
Die BBCH-Gerste-Skala ist ein standardisiertes System zur Beschreibung der Wachstumsstadien der Gerste (lat. Hordeum vulgare), das auch als EC-Skala bekannt ist. Sie ordnet die Entwicklung der Pflanze von der Keimung bis zur Abreife eindeutig ein, wobei jedem Stadium ein numerischer Code zugewiesen wird. Dadurch lassen sich die Entwicklungsstadien präzise benennen und über Betriebe, Regionen und Anbau-Jahre hinweg vergleichen.
Die Abkürzung BBCH steht für Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft, Bundessortenamt und Chemische Industrie, also die Institutionen, die den Code gemeinsam entwickelt haben.
Der Aufbau folgt einem Dezimalsystem mit zwei Ziffern.
- Die erste Ziffer beschreibt die Hauptphase der Entwicklung von 0 bis 9.
- Die zweite Ziffer gibt den feineren Entwicklungsschritt an.
Auf diese Weise lässt sich zum Beispiel unterscheiden, ob sich die Gerste erst am Anfang des Schossens befindet oder ob bereits das Fahnenblatt geschoben ist. Diese Systematik macht die Gerste-EC-Stadien eindeutig und erleichtert die Kommunikation im Betrieb und mit der Beratung.
Ein großer Vorteil der Skala liegt darin, dass gleiche phänologische Stadien bei allen Getreidearten denselben Code erhalten. Ob Weizen, Gerste, Hafer, Roggen oder Triticale: Ein bestimmter Entwicklungsschritt trägt überall dieselbe Nummer, was den direkten Vergleich zwischen diesen wichtigen Kulturpflanzen erleichtert.
Damit ist die Skala ein international anerkanntes Referenzsystem, das in der praktischen Landwirtschaft, in der Forschung und im Pflanzenschutz gleichermaßen genutzt wird. Eine BBCH-Tabelle für Gerste dient dabei häufig als Nachschlagewerk direkt für den Feldeinsatz.
Die BBCH-Gerste-Stadien im Überblick
Die BBCH-Skala für Gerste gliedert sich in zehn Makrostadien, die den gesamten Lebenszyklus der Pflanze abdecken:
- Keimung (0),
- Blattentwicklung (1)
- Bestockung (2)
- Schossen (3)
- Ährenschwellen (4)
- Ährenschieben (5)
- Blüte (6)
- Fruchtbildung (7)
- Reife (8)
- Absterben (9)
Diese Hauptphasen bilden das Grundgerüst, an dem sich die Einordnung im Bestand orientiert. Von der frühen Gersten-Jungpflanze über die Gersten-Bestockung bis hin zum Gersten-Schossen lässt sich so jeder Abschnitt klar zuordnen.
Innerhalb der Makrostadien beschreiben die Mikrostadien den genauen Fortschritt der Entwicklung. So kennzeichnet beispielsweise BBCH 31 der Gerste das Erscheinen des ersten Knotens und damit den Beginn des Schossens, während das Stadium BBCH 32 den zweiten Knoten bei der Gerste markiert.
Die folgende Übersicht führt durch alle Gersten-Stadium-Abschnitte und zeigt, worauf im Betrieb jeweils zu achten ist.
Entwicklungsstadien | BBCH-Stadium | Zeitraum Wintergerste | Zeitraum Sommergerste |
|---|---|---|---|
0 Keimung | 00–09 | September/Oktober | Februar bis April |
1 Blattentwicklung | 10–19 | Herbst, Fortsetzung im Frühjahr | März/April |
2 Bestockung | 20–29 | Herbst sowie März/April | April/Mai |
3 Schossen | 30–39 | April | Mai/Juni |
4 Ährenschwellen | 40–49 | Mai | Juni |
5 Ährenschieben | 50–59 | Mai | Juni |
6 Blüte | 60–69 | Ende Mai/Anfang Juni | Juni |
7 Fruchtbildung | 70–79 | Juni | Juni/Juli |
8 Reife | 80–89 | Juni/Juli | Juli/August |
9 Absterben | 90–99 | Juni/Juli | Juli/August |
Entwicklungsstadien | 0 Keimung |
|---|---|
BBCH-Stadium | 00–09 |
Zeitraum Wintergerste | September/Oktober |
Zeitraum Sommergerste | Februar bis April |
Entwicklungsstadien | 1 Blattentwicklung |
BBCH-Stadium | 10–19 |
Zeitraum Wintergerste | Herbst, Fortsetzung im Frühjahr |
Zeitraum Sommergerste | März/April |
Entwicklungsstadien | 2 Bestockung |
BBCH-Stadium | 20–29 |
Zeitraum Wintergerste | Herbst sowie März/April |
Zeitraum Sommergerste | April/Mai |
Entwicklungsstadien | 3 Schossen |
BBCH-Stadium | 30–39 |
Zeitraum Wintergerste | April |
Zeitraum Sommergerste | Mai/Juni |
Entwicklungsstadien | 4 Ährenschwellen |
BBCH-Stadium | 40–49 |
Zeitraum Wintergerste | Mai |
Zeitraum Sommergerste | Juni |
Entwicklungsstadien | 5 Ährenschieben |
BBCH-Stadium | 50–59 |
Zeitraum Wintergerste | Mai |
Zeitraum Sommergerste | Juni |
Entwicklungsstadien | 6 Blüte |
BBCH-Stadium | 60–69 |
Zeitraum Wintergerste | Ende Mai/Anfang Juni |
Zeitraum Sommergerste | Juni |
Entwicklungsstadien | 7 Fruchtbildung |
BBCH-Stadium | 70–79 |
Zeitraum Wintergerste | Juni |
Zeitraum Sommergerste | Juni/Juli |
Entwicklungsstadien | 8 Reife |
BBCH-Stadium | 80–89 |
Zeitraum Wintergerste | Juni/Juli |
Zeitraum Sommergerste | Juli/August |
Entwicklungsstadien | 9 Absterben |
BBCH-Stadium | 90–99 |
Zeitraum Wintergerste | Juni/Juli |
Zeitraum Sommergerste | Juli/August |
BBCH Gerste Stadium 0: Keimung
Der Entwicklungszyklus der Gerste beginnt mit der Keimung, dem ersten der Gersten-EC-Stadien. Bei ausreichender Bodenfeuchte nimmt das Korn Wasser auf, ein Vorgang, der als Imbibition bezeichnet wird und den Stoffwechsel des Samens aktiviert.
In der Folge tritt die Keimwurzel aus, die Wurzelverankerung beginnt und die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen setzt ein.
Anschließend wächst die Koleoptile, die Keimscheide, nach oben und durchbricht mit dem Auflaufen bei BBCH 09 die Bodenoberfläche.
In dieser frühen Phase reagiert die Gerste empfindlich auf Staunässe, Trockenheit, Bodenverdichtung und Sauerstoffmangel. Da sie ein Flachwurzler mit vergleichsweise geringer Wurzelmasse und schwacher Wurzelregeneration ist, kommt einem gut rückverfestigten, feinkrümeligen Saatbett besondere Bedeutung zu.
Klassische Maßnahmen zur Düngung oder zum Pflanzenschutz sind hier noch nicht erforderlich. Der Fokus liegt stattdessen auf einer korrekten Aussaat, günstigen Bodenbedingungen sowie dem Schutz vor Vogelfraß und Verschlämmung.
Bei der zeitlichen Einordnung unterscheiden sich die beiden Anbau-Formen deutlich.
- Wintergerste keimt im Herbst, meist zwischen Mitte September und Anfang Oktober.
- Sommergerste keimt nach der Frühjahrsaussaat, oft im direkten Anschluss an abfrostende Zwischenfrüchte, häufig zwischen Ende Februar und April.
Ein wichtiger Hinweis speziell zur Gerste betrifft die sehr frühe Aussaat: Sie erhöht das Risiko einer frühen Blattlausbesiedlung und damit die Übertragung von Verzwergungsviren. Wer den Aussaattermin bewusst plant, legt damit bereits im Stadium der Keimung die Grundlage für einen gesunden Gerstenbestand.
BBCH Gerste Stadium 1: Blattentwicklung
Nach dem Auflaufen bei BBCH 09 beginnt oberhalb des Bodens die Blattentwicklung, der nächste Abschnitt der BBCH-Gerste-Skala.
- Zuerst tritt das erste Laubblatt aus der Koleoptile aus, womit die aktive Photosynthese startet und die junge Pflanze eigenständig Energie gewinnt. Ein Blatt gilt als entfaltet, sobald sein Blatthäutchen, die sogenannte Ligula, sichtbar wird oder die Spitze des nächsten Blattes erscheint.
- Parallel dazu läuft das Wurzelwachstum weiter, sodass sich die Pflanze fester im Boden verankert.
In diesem Gerste-Stadium ist die Kultur anfällig gegenüber Frost, Staunässe, Sauerstoffmangel und Schädlingen wie Drahtwürmern oder Blattläusen. Solcher Stress reduziert die Blattzahl und begrenzt zugleich das spätere Ertragspotenzial durch eine geringere Anzahl an Nebentrieben. Bei Gerste ist das besonders bedeutsam, da sich dünne Bestände nur begrenzt über eine höhere Kornzahl je Ähre ausgleichen lassen. Deshalb zählt eine gleichmäßige Bestandesdichte von Beginn an, wobei im Frühjahr ein Zielbestand von etwa 300 bis 350 Pflanzen je Quadratmeter angestrebt wird.
Zum Vegetationsbeginn empfiehlt sich eine erste Bestandskontrolle, bei der Auflaufgleichmäßigkeit, Pflanzendichte sowie Frost- und Schädlingsschäden beurteilt werden. Ab dem 2- bis 3-Blatt-Stadium sind bei Bedarf erste Herbizidmaßnahmen möglich. Bei früher Wintergerste sollten außerdem bereits im Herbst Mehltau, Netzflecken und Zwergrost im Blick behalten werden.
- Zeitlich beginnt die Blattentwicklung bei Wintergerste im Herbst und setzt nach der Winterruhe im Frühjahr fort.
- Bei Sommergerste fällt sie überwiegend in die Monate März bis April.
BBCH Gerste Stadium 2: Bestockung
In der Bestockung bildet die Pflanze nahe der Bodenoberfläche aus dem Grundtrieb heraus Seitentriebe, die als Bestockungstriebe bezeichnet werden. Aus diesen Trieben entstehen potenziell ährentragende Halme, wobei nicht jeder Trieb ertragswirksam wird und die Pflanze die Triebzahl teilweise selbst reguliert. Für die Gerste ist dieses Stadium besonders wichtig, da hier ein großer Teil der ertragstragenden Triebe und damit der späteren Ährendichte festgelegt wird. Bei Wintergerste sollte die Bestockung idealerweise schon vor dem Winter weitgehend abgeschlossen sein.
Auf die Bestockung wirken mehrere Faktoren zusammen:
- Ein früher Saat-Termin begünstigt eine stärkere Bestockung.
- Dünne Bestände bestocken tendenziell kräftiger.
- Ein höheres Stickstoffangebot fördert die Triebanzahl.
- Milde Temperaturen unterstützen die Triebbildung zusätzlich.
Diese Einflussgrößen greifen ineinander, sodass sich Aussaat, Düngung und Witterung gemeinsam auf die Dichte des Bestandes auswirken. Gleichzeitig bestehen in dieser Phase Risiken durch Trockenheit, Staunässe und Frost. Eine zu üppige Bestockung erhöht den Krankheitsdruck und die Lagergefahr. Bei Wintergerste kann zudem eine zu starke Herbstentwicklung die Winterfestigkeit herabsetzen. Der Bestand sollte daher aufmerksam beobachtet werden, um Andüngung, Wachstumsregler oder Fungizide gezielt planen zu können.
- Zeitlich fällt die Bestockung bei Wintergerste häufig in den Herbst und in das Frühjahr von März bis April.
- Bei Sommergerste fällt sie in ein kürzeres Fenster von meist April bis Mai.
BBCH Gerste Stadium 3: Schossen (Haupttrieb)
Mit dem Schossen beginnt die Halmstreckung und damit der Übergang von der vegetativen zur generativen Entwicklung. Zum Schossbeginn bei BBCH 30 hebt sich der Vegetationskegel vom Boden ab, die Ährenspitze ist mindestens einen Zentimeter vom Bestockungsknoten entfernt. Anschließend strecken sich die Internodien, sodass die Halme rasch in die Höhe wachsen.
Im weiteren Verlauf bilden sich ein erster und zweiter Knoten aus, die als Gerste EC 31 und Gerste EC 32 (oder gleichbedeutend BBCH 31 und 32) bezeichnet werden und sich durch Abtasten oder Aufschneiden des Halms erkennen lassen. Das Gersten Stadium 31 markiert dabei den ersten Knoten und ist ein zentraler Bezugspunkt für viele Maßnahmen.
Während des Schossens hat die Gerste einen hohen Bedarf an Wasser, Stickstoff und Assimilaten, also energiereichen organischen Stoffen wie Zucker und Stärke aus der Fotosynthese. Mit dem Erscheinen des letzten Blattes der Gerste bei BBCH 37 nähert sich die Streckung ihrem Abschluss. Bei BBCH 39 ist das Fahnenblatt voll entwickelt, erkennbar an der sichtbaren Ligula.
Warme Temperaturen beschleunigen das Schossen, eine hohe Stickstoffversorgung fördert das Längenwachstum, Trockenheit oder Spätfrost begrenzen die Streckung. Schäden in dieser Phase wirken direkt auf Ährenentwicklung, Kornzahl je Ähre und spätere Standfestigkeit. Damit ist das Schossen das zentrale Zeitfenster für Wachstumsregler zur Sicherung der Standfestigkeit, für eine gezielte Stickstoffsteuerung und je nach Befall für erste Fungizide gegen Rhynchosporium, Netzflecken, Zwergrost und Mehltau.
- Zeitlich liegt das Schossen bei Wintergerste meist im Frühjahr und häufig im April.
- Bei Sommergerste folgt es später und erstreckt sich oft von Mai bis Juni.
BBCH Gerste Stadium 4: Ährenschwellen
Mit dem Ährenschwellen, im Fachjargon auch Booting genannt, beginnt die sichtbare generative Phase. Die Blattscheide des Fahnenblatts verlängert sich und schwillt an, bis die Ähre kurz vor dem Austritt steht. In dieser Phase findet kaum noch Längenwachstum statt, stattdessen liegt der Fokus auf der Organentwicklung. Die Assimilate werden überwiegend in Fahnenblatt und Ähre verlagert, wodurch das Fahnenblatt zum wichtigsten Fotosynthese-Organ für den späteren Kornertrag wird.
Ein charakteristisches Merkmal der Gerste zeigt sich am Ende dieses Stadiums: Bei BBCH 49 werden bei der Gerste die Grannenspitzen sichtbar. Dieses Merkmal ist ein zuverlässiger Bonitur-Anhaltspunkt und zugleich eine wichtige Terminierungsgrenze in der Praxis.
Warme, sonnige Witterung sowie eine ausreichende Wasser- und Stickstoffversorgung fördern eine gesunde, ertragreiche Ähre. Stressfaktoren wie Trockenheit, Hitze oder mechanische Schäden reduzieren dagegen die Kornzahl je Ähre. Krankheiten an Fahnenblatt oder Blattscheide wirken direkt ertragsmindernd, wobei sich solche Schäden später kaum kompensieren lassen.
Das Ährenschwellen ist ein wichtiger Zeitpunkt für den Fahnenblattschutz durch Fungizide, insbesondere gegen die Ramularia-Sprenkelkrankheit, Netzflecken und Zwergrost. Bei einer Einmalstrategie sollte die Wachstumsreglermaßnahme spätestens bis zum Grannenspitzen bei BBCH 49 abgeschlossen sein.
- Zeitlich liegt das BBCH-Stadium 04 bei Wintergerste meist im späten Frühjahr und häufig im Mai.
- Bei Sommergerste fällt es in der Regel in den Juni.
BBCH Gerste Stadium 5: Ährenschieben
Beim Ährenschieben wird die Ähre sichtbar, der Beginn ist mit BBCH 51 gekennzeichnet. Zuerst tritt die Ährenspitze aus der Blattscheide, danach schiebt sich die Ähre immer weiter heraus, bis sie bei BBCH 59 vollständig sichtbar ist. Die Pflanze erreicht in dieser Phase nahezu ihre Endhöhe.
Wegen der langen Grannen, die bei den meisten Sorten 8 bis 15 Zentimeter messen, ist der Blütenstand der Gerste im Bestand jetzt besonders auffällig.
Warme Witterung beschleunigt das Ährenschieben, während Trockenheit, starke Hitze, kräftiger Wind und Regen negativ wirken.
Ähre und Fahnenblatt müssen gesund bleiben, denn Schäden wirken sich direkt auf die Kornzahl und die spätere Kornfüllung aus. Eine letzte Bestandsbeurteilung ist daher sinnvoll. Bei Gerste liegt der Schwerpunkt der Abschlussbehandlung häufig auf der Ramularia-Sprenkelkrankheit , wobei der Fungizideinsatz typischerweise vom Fahnenblatt-Stadium bis Mitte Ährenschieben erfolgt.
Eine Besonderheit der Gerste zeigt sich in diesem Stadium: Blüte und Befruchtung laufen weitgehend bereits hier ab, teils noch bevor die Ähre vollständig geschoben ist. Dadurch überschneiden sich Ährenschieben und Gerstenblüte zeitlich stark.
- Zeitlich ordnet sich das Ährenschieben bei Wintergerste üblicherweise in den Mai ein.
- Bei Sommergerste fällt es meist in den Juni.
BBCH Gerste Stadium 6: Blüte
Die Blühphase, fachlich als Anthese bezeichnet, ist über das Sichtbarwerden der ersten Staubgefäße definiert und beginnt bei BBCH 61. Die Vollblüte wird bei BBCH 65 erreicht, das Ende der Blüte liegt bei BBCH 69.
Anders als beim Weizen verläuft die Blütezeit der Gerste von außen kaum wahrnehmbar. Die Gerste ist ein ausgeprägter Selbstbefruchter: Die Staubbeutel platzen in der Regel bereits, bevor sich die Blüte öffnet, sodass die Bestäubung überwiegend in der geschlossenen Blüte stattfindet.
Die Blütezeit der Gerste setzt häufig schon während des Ährenschiebens ein. Jede erfolgreiche Befruchtung führt zur Anlage eines Korns. Der Kornansatz richtet sich dabei nach der Zeiligkeit der Sorte:
- Bei zweizeiliger Gerste ist pro Ansatzstelle nur das mittlere Ährchen fruchtbar, was ein kräftiges Korn ergibt.
- Bei mehrzeiliger, also vier- bis sechszeiliger Gerste sind alle drei Ährchen fruchtbar, wodurch mehr, aber etwas schwächere Körner entstehen.
Störfaktoren wie Trockenheit oder Hitze können in dieser Phase Kornzahl und Ertrag mindern. Weil überwiegend in der geschlossenen Blüte befruchtet wird, ist das Fusarium-Risiko über offene Blüten geringer als beim Weizen. Dennoch bleiben Blattgesundheit und eine gesunde Ähre entscheidend, da Schäden nun nicht mehr kompensierbar sind.
- Zeitlich fällt die Blütezeit der Gerste bei Wintergerste häufig in den Zeitraum von Ende Mai bis Anfang Juni.
- Bei Sommergerste findet sie meist im Juni statt
BBCH Gerste Stadium 7: Fruchtbildung
Unmittelbar nach der Befruchtung entwickeln sich die Körner. Die Ähre ist zu diesem Zeitpunkt vollständig ausgebildet.
Der Verlauf gliedert sich in mehrere Schritte:
- Zur Wasserreife bei BBCH 71 ist der Korninhalt noch wässrig.
- Es folgt die frühe Milchreife bei BBCH 73.
- In der Mitte der Milchreife bei BBCH 75 haben die Körner ihre endgültige Größe erreicht, der Korninhalt ist milchig und die Körner sind noch grün.
- Die späte Milchreife trägt den Code BBCH 77.
Stress durch Trockenheit, Hitze oder Blattkrankheiten führt in dieser Phase zu kleineren Körnern und damit zu Ertragsverlusten. Die Fruchtbildung ist entscheidend für das Korngewicht, das Ertragsniveau und die Qualität.
Bei Gerste ist die Qualität doppelt relevant: Bei Braugerste zählen ein niedriger, gleichmäßiger Eiweißgehalt und ein hoher Vollgerstenanteil, während bei Futtergerste Ertrag und Energiegehalt im Vordergrund stehen.
Der Fokus liegt in diesem Stadium auf dem Erhalt der Blattgesundheit und einer ausreichenden Wasserversorgung, damit die Körner gut ausreifen können.
- Zeitlich ordnet sich die Fruchtbildung bei Wintergerste meist in den Juni ein.
- Bei Sommergerste fällt sie überwiegend in den Zeitraum von Juni bis Juli.
BBCH Gerste Stadium 8: Reife
Die Reife schließt an die Fruchtbildung an und umfasst den Bereich von der Teigreife bis zur Vollreife.
- In der frühen Teigreife bei BBCH 83 und der Teigreife bei BBCH 85 ist der Korninhalt noch weich, aber trocken, und ein Fingernageleindruck bildet sich zurück.
- Bei der Gelbreife mit BBCH 87 bleibt der Fingernageleindruck dagegen bestehen.
- In der Vollreife bei BBCH 89 ist das Korn hart und lässt sich nur schwer mit dem Daumennagel brechen.
Halm und Blätter vergilben und vertrocknen, während die langen Grannen und die geneigte bis hängende Ährenhaltung das typische Bild eines reifen Gerstenbestandes prägen.
Die Abreifegeschwindigkeit hängt von der Witterung ab: Trockenes, warmes Wetter beschleunigt die Abreife, feuchte Bedingungen verzögern sie. Der Ertrag ist nun mengenmäßig endgültig festgelegt, sodass pflanzenbauliche Eingriffe nicht mehr sinnvoll sind. Die Qualität kann sich allerdings noch verschlechtern, etwa durch Auswuchs oder Pilzbefall bei anhaltender Feuchte.
Der Erntezeitpunkt sollte sorgfältig festgelegt werden. Als Faustregel gilt: Ab einer Kornfeuchte unter 15 Prozent ist die Gerste lagerfähig, andernfalls ist eine Trocknung nötig, um das Schimmel- und Mykotoxinrisiko zu vermeiden.
- Zeitlich fällt die Reife bei Wintergerste häufig in den Zeitraum von Juni bis Juli, womit sie als erste Getreideart die Getreideernte einleitet.
- Sommergerste reift später und wird meist zwischen Juli und August geerntet.
BBCH Gerste Stadium 9: Absterben
Nach der Vollreife ist der Entwicklungszyklus abgeschlossen und die Lebensfunktionen der Pflanze sind weitgehend eingestellt.
Zur Totreife bei BBCH 92 lässt sich das Korn nicht mehr mit dem Daumennagel eindrücken oder brechen. Halm und Blätter sind strohgelb bis braun verfärbt, ein Wasser- und Nährstofftransport findet nicht mehr statt. Die Körner lockern sich tagsüber, was dem Stadium BBCH 93 entspricht.
Bei fortgeschrittener Abreife können die Halme zusammenbrechen, gekennzeichnet durch BBCH 97. Bei Gerste erschwert das die Ernte und verursacht Verluste.
Das Stadium BBCH 99 markiert den abschließenden Zustand nach dem Drusch, wenn die Pflanze vollständig abgestorben und das Erntegut eingefahren ist. Der optimale Erntezeitpunkt liegt daher kurz davor, meist im präzisen Zeitfenster zwischen der Vollreife (BBCH 89) und der Totreife (BBCH 92). Der Ertrag ist hierbei endgültig fixiert, eine verzögerte Ernte würde die Qualität nur noch verschlechtern.
Eine zügige, termingerechte Ernte schützt die Marktqualität, was besonders bei Braugerste mit ihren Anforderungen an eine gleichmäßige Sortierung und Keimfähigkeit von Bedeutung ist.
- Zeitlich ordnet sich das Absterben bei Wintergerste meist in den Zeitraum von Juni bis Juli ein.
- Bei Sommergerste fällt sie überwiegend in die Monate Juli bis August.
Merkmale & Besonderheiten der BBCH-Gerste-Skala
Einige Besonderheiten der BBCH-Gerste-Skala sind speziell für die Gerste kennzeichnend. Die Grannen dienen als Leitmerkmal, denn das Grannenspitzen bei BBCH 49 ist ein gut sichtbares, typisches Merkmal und zugleich die Terminierungsgrenze für den Einsatz von Wachstumsreglern.
Hinzu kommt die verdeckte Blüte: Als ausgeprägter Selbstbefruchter blüht die Gerste weitgehend innerhalb der Blattscheide, weshalb sich das Ährenschieben in Stadium 5 und die Blüte in Stadium 6 zeitlich überlappen.
Eine weitere Rolle spielt die Zeiligkeit der Sorte. Zweizeilige Gerste, überwiegend Sommergerste und häufig als Braugerste angebaut, bildet je Ansatzstelle ein kräftiges Korn.
Mehrzeilige Gerste, überwiegend Wintergerste, bildet mehrere, etwas schwächere Körner und ist in der Regel ertragreicher. Für die Praxis ergibt sich daraus ein klarer Nutzen: Maßnahmen wie Düngung, Wachstumsregler und Pflanzenschutz lassen sich präzise am tatsächlichen Entwicklungsstand ausrichten.
Warum die BBCH-Gerste-Stadien im Betrieb entscheidend sind
Der wohl wichtigste Grund für die BBCH-Gerste-Skala ist der richtige Zeitpunkt für pflanzenbauliche Maßnahmen. Düngung, Pflanzenschutz und Wachstumsregler wirken nur in bestimmten Phasen. Die BBCH-Skala bietet dafür eine pflanzenbasierte statt einer kalenderbasierten Orientierung.
Bei Gerste ist das besonders relevant, da die Zeitfenster oft eng sind, etwa beim Einsatz von Wachstumsreglern bis spätestens BBCH 49. Eng damit verbunden ist die Ertragssicherung: Ährendichte, Kornzahl und Korngewicht werden in bestimmten BBCH-Phasen festgelegt. Da Gerste dünne Bestände nur schlecht kompensiert, ist die gezielte Steuerung in den frühen Phasen entscheidend.
Auch das Qualitätsmanagement profitiert von der Orientierung an den Stadien, denn sie erhöht die Wahrscheinlichkeit einer marktgerechten Qualität. Bei Braugerste zählt dabei vor allem der Eiweißgehalt, bei Futtergerste der Energiegehalt.
Ergänzend sorgt die Skala für Rechtssicherheit: Pflanzenschutzmittel dürfen häufig nur in bestimmten BBCH-Fenstern angewendet werden, sodass eine exakte Stadienbestimmung vor Anwendungsfehlern und möglichen Sanktionen schützt.
Nicht zuletzt geht es um Kosten und Risiken. Maßnahmen außerhalb des optimalen BBCH-Stadiums wirken oft schwächer oder gar nicht, weshalb die Skala beim zielgerichteten Einsatz von Betriebsmitteln hilft und die Kosten im Griff hält. Beim Risikomanagement lassen sich Faktoren wie Witterung, Lagergefahr und Krankheitsdruck besser einschätzen. Bei Gerste stehen dabei vor allem Ramularia, Netzflecken, Rhynchosporium und Zwergrost im Blick, sodass Strategien frühzeitig angepasst werden können.
